Quelle: Die Reportage von Dok1 - ORF
Keine sozialen Medien, keine Nachrichten, keine mobilen Daten: Jugendliche im Alter zwischen 15 und 17 Jahren wagten ein radikales Experiment und lebten drei Wochen ohne Handy – nicht nur in der Schule, auch im ausserschulischen Bereich. Eine ORF Dok 1 zeigt, was diese Zeit mit ihnen gemacht hat.
Am 23. April 2025 verzichten 69 Jugendliche der sechsten Klasse des Konrad Lorenz Bundesgymnasiums in Gänserndorf (Österreich) drei Wochen lang auf ihr Handy. Begleitet wird das Experiment vom Anton-Proksch-Institut und von der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. Tastenhandys und Tablets sind erlaubt, denn das Handy hat das grösste Suchtpotential.
Vor allem der Anfang ist hart, denn die Jugendlichen verbringen im Schnitt etwa fünf Stunden pro Tag mit ihrem Handy. Sie gehören zu einer Generation, die oft nicht weiss, wie es sich ohne Smartphone lebt. Anfänglich sind die Entzugserscheinungen heftig: Kopfschmerzen, Unruhe, Nervosität, Aggressionen und Phantomklingeln. Zwei Personen haben bereits nach 24 Stunden aufgegeben. Die 16-jährige Sophie hingegen löscht schon zu Beginn die besonders beliebte App Snapchat: «... das Leben ohne Snapchat ... Das ist auch schön.»
Ein erstes Stimmungsbild
Ohne Smartphone machen die Jugendlichen neue Erfahrungen. Sie greifen zum Fotografieren auf alte Digitalkameras ihrer Eltern zurück. Zum ersten Mal schreiben Sie SMS. Fahrpläne und Tickets werden ausgedruckt... Nach vier bis fünf Tagen entdecken die Jugendlichen bereits die positiven Seiten des Entzugs.
Zitate aus der sehenswerten Dokumentation:
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Besser kennen lernen
In der Pause mit Leuten reden, mit denen ich noch nie geredet habe. Man lernt sich da auch besser kennen | Deniz 16 J. -
viel weniger Stress
Es geht mir körperlich und psychisch besser, ich hab viel weniger Stress | Tagebuch -
Weniger Druck
Es ist eigentlich angenehm, nicht immer diesen Druck zu haben: haben sie mir geschrieben, muss ich jetzt irgendwas nachschauen | Anton 16 J. -
Es geht mir besser
Generell muss ich sagen, dass es mir besser geht, ich hab mehr Zeit für mich | Sophie 16 J. -
höre jetzt auch Vögel zwitschern
Vor allem, ich höre jetzt auch Vögel zwitschern. Vorher habe ich irgendwie nie darauf geachtet. | Nova 17 J. -
irgendwie eine Erleichterung
»Irgendwie ist es auch angenehm. Jeder weiss, dass ich kein Handy hab. Jetzt muss ich nicht antworten Mir schreibt niemand. Und das ist schon irgendwie eine Erleichterung. | Anton 16 J. -
Gefühl von Freiheit
»Es ist aber wirklich schon ein Gefühl von Freiheit. Man findet sich dann was anderes und ich finde, man ist schon viel produktiver. | Deniz 16 J. -
meinen eigenen Frieden
Aber so sehr ich auch gerade mein Handy möchte, ich möchte meinen eigenen Frieden nicht kaputt machen. | Tagebuch -
lange und gut geschlafen
Heute habe ich so lange und gut geschlafen, wie seit Wochen nicht mehr. | Tagebuch -
ohne Handy glücklicher
Ich bin ohne Handy glücklicher. | Tagebuch
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Snapchat Gruppenzwang
Zu Snapchat, ist wie Gruppenzwang, jeder macht das. Hat wahrscheinlich keiner in unserer Klasse, der keine Snapchat Flamme hat | Anton 16 J. -
Social Media: Unglücksmaschine
Social Media: wenn mans realistisch sieht ist es eine Unglücksmaschine weil du immer mit dem, was du hast nicht Happy bist | Rapper Raf_Camora -
Ich weiss, tut mir nicht gut
Wie uns unser Handy und Social Media eigentlich im Griff hat. Es hat mich wirklich frustriert, weil ich weiss, dass es mir nicht gut tut… Und ich mach es trotzdem. Dann geh ich mir manchmal auch schon richtig selbst auf die Nerven | Tagebuch -
War wie Entzug
Am Anfang war es schwer, es war wie ein Entzug | Rapper Raf_Camora -
Aus Reflex Handy ziehen
Aus Reflex auf mein Handy zugreife, weil der Schulweg etwas langweilig ist | Deniz 16 J.
Die wissenschaftliche Auswertung
Dr. Oliver Scheibenbogen, der Psychologe von der Sigmund Freud Privatuniversität
erklärt: «Durch drei Wochen Handy-Verzicht hat sich das psychische Wohlbefinden um 30 Prozent verbessert. Wenn man das vergleicht mit der Kontrollgruppe, die etwas Oliver Scheibenbogen später diesen Fragebogen ausgefüllt hat, nämlich in den Ferien, verbessert sich das psychische Wohlbefinden um etwa 20 Prozent. Concluso ist in Wirklichkeit ... zwei Wochen Ferien bringen für das psychische Wohlbefinden nicht so viel wie drei Wochen Handy-Verzicht.»
«In Bezug auf depressive Symptomatik ... die Depression sich deutlich reduziert ... auf -30 Prozent ungefähr. Danach steigt‘s natürlich wieder ein Stückchen an, erreicht aber nicht wieder diesen ursprünglichen Ausgangswert.»
Dr. Michael Musalek, Psychiater an Sigmund Freud PrivatUniversität, empfiehlt zudem, täglich mehrere Stunden auf das Smartphone zu verzichten, v.a. junge Menschen, denn das Gehirn ist erst zwischen dem 18. und 25. Lebensjahr voll ausgebildet:
«Heute wissen wir, wenn wir ein Michael Musalek Organ überlasten in der Entwicklungsphase, dann kommt es auch zu dementsprechenden Störungen. Deshalb ist es so wichtig, das wir gerade auch bei jungen Menschen nicht so massive Überlastungen haben. Das Hirn hat keine Ruhephasen.»
Unser Tipp: Alle Schulen sollten das Experiment zum Wohle junger Menschen wagen!
Interview mit Rapper RAG Camora
Den Rapper zwangen Anfang 2024 mehrere Hörstürze zu einer 8-monatigen Auszeit – auch auf Social Media. «Am Anfang war es schwer. Es war wie ein Entzug.» Seitdem verzichtet er im wieder ganz bewusst auf die sozialen Medien, «...weil man durch Social Media eine Dopaminsucht entwickelt.» RAG Camora bezeichnet Smartphones und SocialMedia im Interview mit ORF Dok 1 als «... eine Unglücksmaschine ein bisschen, weil du einfach immer mit dem, was du hast, nicht happy bist.»
Sein TIPP: «...einfach mehrere Tage in der Woche oder wenigstens einen Tag in der Woche Social Media frei zu nehmen... weil, wenn man trainieren geht, man schafft es nur, muskulöser oder fitter zu werden, wenn man dazwischen die Ruhetage hat. Ich glaube nämlich, das es bei Social Media ähnlich ist. Wenn du ständig darinnen hängst, kannst du deinen Kopf nicht richtig entfalten.»
Resumées der Teilnehmenden
«Ich bin ehrlich gesagt etwas traurig, dass das Projekt bereits vorbei ist, da meine Freunde und ich eine wirklich schöne Zeit hatten. und wir wirklich mal die Chance hatten, uns offline einfach mal nur auf das engste Umfeld konzentrieren zu müssen.» | Tagebuch
«Man muss nun anfangen, diesen schmalen Grad zu suchen zwischen ‚für einen guten Zweck‘ oder weil ich gerade sonst nichts tun habe‘. Das wird unsere Aufgabe in den nächsten Jahren sein, das so an weitere Generationen weiterzugeben.» | Tagebuch
Ganze Dokumention bei ORF: https://on.orf.at/video/14290303/